Der Sohn und seine alte Mutter wohnen schräg unter mir, im Erdgeschoss des Nachbarhauses. Oft höre ich ihn schimpfen und meckern. Wenn ich die beiden draußen antreffe, trottet seine Mutter hinter im her und er blickt verärgert um sich. Ihr Mann, sein Vater, ist aus der Kriegsgefangenschaft nicht mehr zurückgekehrt. Seitdem schlagen sich die beiden durch die immer gleiche Tristesse ihres Alltags.

Eines Sonntagmorgens sitze ich auf dem Balkon und arbeite an einem neuen Artikel. Ich genieße die sonntägliche Stille und das Sommerwetter. Gerade als ich noch lächelnd in den blauen Himmel blicke und mich über die Ruhe freue, ertönt aus dem Garten lauter Gesang. Mehrere Menschen, bestimmt 15 an der Zahl, stapfen singend und lachend durch die Ligusterhecke. Im Garten angekommen bleiben sie stehen, hören auf zu singen und setzen die Instrumente an. Mit Pauken, Trompeten und wilden Trommelschlägen setzen sie ihren Marsch fort. Ich lehne mich über die Balkonbrüstung und staune. Als das wandernde Orchester an der Wohnung des Sohnes und seiner Mutter vorbeilärmt läuft die alte Frau mit erhobenen Armen und freudestrahlend auf die Musiker zu.

Ein Mädchen reicht ihr grinsend eine silber glitzernde Querflöte und ich traue meinen Ohren und Augen kaum, als die alte Dame das Instrumen an ihre Lippen setzt und mit hin und her schwankendem Oberkörper scheinbar mühelos in die Komposition einsteigt. Sie tänzelt vor und zurück, tippelt um die spielende Truppe herum und reiht sich wieder ein. Ihr Blick begegnet meinem und sie zwinkert lächelnd. Als der Musikantenzug wieder durch die Hecken verschwindet zeugen nur noch die zertrampelten Stiefmütterchen von ihrer Anwesenheit.

Die Balkontüre öffnet sich hörbar und der Sohn stolpert in den Garten und blickt panisch nach links und rechts. Als er mich sieht schreit er zu mir hoch:

Wo ist meine Mutter?

Ich schaue ihn ein paar Sekunden gleichgültig an und antworte: „Gerade eben ist eine Herde Wildpferde durch den Garten gallopiert. Ihre Mutter hat sich mit Schwung auf eine weiße Stute geschwungen und ist mit der gesamten Herde in diese Richtung verschwunden.“ Als er mich mit offenem Mund fassungslos anstarrt, drehe ich mich um und schließe lächelnd die Balkontür hinter mir.