Das Adjektiv ist die am meisten überschätzte und missbrauchte Wortart der deutschen Sprache. Es richtet oft mehr Schaden an, als dass es nutzt. Unsere Schriftsprache ist aufgepumpt mit vermeintlich ausdrucksstarken Adjektiven. Dabei richten diese öfter Schaden an als dass sie nutzen würden.

Um die Handlung zu beschreiben, haben wir die Verben. Um die Dinge und abstrakten Begriffe wiederzugeben, haben wir die Substantive. Wozu haben wir die Eigenschaftswörter?

Laut Duden ist das Adjektiv ein „Wort, das ein Wesen oder Ding, ein Geschehen, eine Eigenschaft oder einen Umstand mit einem bestimmten Merkmal, mit einer bestimmten Eigenschaft versehen kennzeichnet; Eigenschaftswort (z. B. bunt, fatal, schön)“.

Aber wollen Sie alle Eigenschaften der Dinge erfahren, von denen die Rede ist? Gewiss nicht, oder? Das wäre langweilig. Wir wollen das Notwendige wissen. Deshalb gilt immer: finden Sie den gesuchten Ausdruck oder lassen Sie das Adjektiv weg! Ein beflaggtes Elternhaus, oder eine hochkarätige Sonne wirken affektiert und lächerlich.

Falsch eingesetzte Adjektive produzieren verkorkste Konstruktionen (pro-aktive Ideenfindung), sie lassen Pleonasmen (Duden: „Häufung sinngleicher oder sinnähnlicher Wörter“) entstehen (stillschweigend), sie sind unlogisch (kaltes Eis), sie produzieren bürokratische Blähungen (im investiven und konsumtiven Bereich) und sind am schlimmsten im Superlativ (am optimalsten wäre; zu unserer vollsten Zufriedenheit).

Der Adjektiv-Missbrauch

Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie sollen Adjektive verwenden! Aber bitte wirklich nur dort, wo sie benötigt werden: zur Unterscheidung und Wertung. Deshalb gilt: streichen Sie alle Adjektive, die nicht zwingend notwendig sind! Überlegen Sie sich bei jedem Adjektiv, ob es nicht auch ohne geht und bewahren Sie Ihr Misstrauen gegenüber jedem Satz, der mehr als ein Adjektiv enthält.

Adjektive, Eigenschaftswörter oder Beiwörter sind überwiegend leicht entbehrlich – was sie übrigens mit den Füllwörtern teilen (gar, ja, wohl, nun, dann).

Ich gebe Ihnen ein paar Beispiele:

  • Pferde werden oft nach ihren Farben benannt. Doch der schwarze Rappe kann niemals eine andere Farbe besitzen als schwarz.
  • In der Zeitung haben Sie bestimmt erst vor kurzem wieder etwas über einen Tornado gelesen. Oft kommt es vor, dass diese Tornados schwere Verwüstungen Haben Sie schon einmal leichte Verwüstungen gesehen? Diese wären wohl kaum erwähnenswert. Zumal der Tornado dann eher ein Wind oder eine Böe wäre.
  • Der alte Greis ist sowieso schon alt, einen jungen Greis gibt es nicht.
  • Eine neu renovierte Wohnung kann kaum alt renoviert sein.
  • Die weibliche Kandidatin wird vom Publikum mit Sicherheit auch als Kandidatin für weiblich erachtet.
  • Zwei Zwillinge wären Drillinge, wenn es drei wären oder insgesamt vier, wenn es zwei Zwillingspärchen wären.
  • Rufen Sie zur Klärung offenstehender Fragen bitte an! Zur Klärung nicht offenstehender Fragen würde wahrscheinlich niemand anrufen.
  • Jemand erlag seinen schweren Verletzungen. Leichte Verletzungen würden den armen Menschen bestimmt nicht gleich zum erliegen bringen.
  • Ahnungen sind immer dunkel – können also durch den Zusatz dunkel nicht dunkler werden. Was hell ist, heißt Wissen.

Am häufigsten grassiert die Adjektivitis in Form mit zusammengesetzten Substantiven. Statt „Elternhaus“ elterliches Haus zu sagen, könnte schon fast in die Bürokratensprache aufgenommen werden. Immer öfter hört und liest man von der alpinen Flora, der gesellschaftlichen Ordnung oder den saisonalen Schwankungen. Verscheuchen Sie die Adjektive und bedienen Sie sich der wunderbaren deutschen Wörter Alpenflora, Gesellschaftsordnung oder Saisonschwankungen!

Und jetzt auch noch die Steigerung

Neben diesen Fehlgriffen in die Sprachschublade sollten Sie in keinster Weise ein Adjektiv steigern! Denn in keinster Weise sagen nur die Dümmsten.

E. Süskind tadelt das Adjektiv als stark und durchdringend, das eine Verstärkung weder brauche noch vertrage. Der Komparativ bringe laut Süskind Konkurrenz und Neid in die deutsche Sprache (größer, reicher, schöner).

Der Superlativ ist eine laute Form, mit der Sie sparsam umgehen sollten. Er reizt zum Widerspruch und maßt sich an, das Äußerste zu kennen. Trotzdem werden die Adjektive munter gesteigert und erhoben: eindeutig wird zu eindeutiger, rund zu runder, sorglos wird zu sorgloser, obwohl die totale Abwesenheit von Sorgen eine Steigerung nicht mehr zulässt. Der wärmste Sommertag seit 41 Jahren sagt nur aus, dass der Sommertag vor 42 Jahren ein erheblich wärmerer war.

Her mit den Adjektiven!

Trotz allem hat das Adjektiv seine Berechtigung. Selbstverständlich gibt es Fälle, in welchen Adjektive zwingend sind: zur Unterscheidung und zur Wertung. Er ging in das grüne Haus, nicht in das gelbe! Der weiße Schimmel ist mitnichten immer weiß. Pferdeliebhaber wissen, dass Schimmel erst im Laufe ihres Lebens von schwarz zu weiß werden.

Adjektive sind erlaubt, wenn sie einen Überraschungsmoment enthalten: die Königin fletschte huldvoll die Zähne, der König fummelte sich souverän im Gesicht rum. Michael Kolhaas war einer der „rechtschaffendesten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, beginnt die Kleistsche Novelle.

Matthias Claudius spottete über den Unterschied zwischen seiner Sprache und der Klopstocks: Klopstock sagt: Du, der du weniger bist und dennoch mir gleich, nahe dich mir und befreie mich, dich beugend zum Grunde unserer Allmutter Erde, von der Last des staubbedeckten Kalbfells.“ Ich sage dafür nur: „Johann, zieh mir die Stiefel aus!“ (Ludwig Reiners: Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa).

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